Kloster

Havuts Tar – Das Kloster auf dem Armenier-Hügel über der Azat-Schlucht

AraratAuf einem bewaldeten Felssporn hoch über dem Azat-Fluss liegen die Ruinen von Havuts Tar – eines mittelalterlichen Klosterkomplexes, der über Jahrhunderte als Schreibzentrum und Reliquienhüter Armeniens galt und dessen ältestes Evangeliar heute bei Amtseinführungen armenischer Staatspräsidenten eingesetzt wird.

Karawanserei am Kloster Havuts Tar über der Azat-Schlucht
Reiseziele

Schwarzer und roter Tuff wechseln sich am Mauerwerk der Hügelkirche ab wie auf einem Schachbrett. Grigor Magistros hatte ein geschnitztes Holzkreuz erhalten, das zuvor durch die Hände eines byzantinischen Kaisers und eines armenischen Königs gegangen war; 1013 ließ er die Kirche neu aufbauen und brachte das Kreuz hierher ins Kloster. Ein Erdbeben zerstörte 1679 weite Teile der Anlage, ein zweiter Überfall 1755 beendete das Klosterleben endgültig. Heute liegen drei Ruinengruppen verstreut über den Bergrücken, ohne Restaurierung, ohne Touristeninfrastruktur.

Havuts Tar liegt auf einem Bergsporn am linken Ufer des Azat-Flusses, rund 31 Kilometer östlich von Jerewan, innerhalb des Khosrov-Schutzwaldreservats. Die Anlage befindet sich auf etwa 1.450 Metern Höhe, jenseits des steilen Schluchteinschnitts, der die Klosterruinen vom Zufahrtsweg trennt. Das Reservoir selbst zählt zu den ältesten staatlichen Naturschutzgebieten der Welt – gegründet im 4. Jahrhundert durch König Khosrov III. – und gibt dem Kloster einen Rahmen, der geologisch wie historisch tief reicht. Drei Gebäudegruppen, die bis zu 500 Meter voneinander entfernt stehen, verteilen sich über den Höhenrücken: die ummauerte Hauptanlage, die Hügelkirche mit ihrem Schachbrettmuster aus rotem und schwarzem Tuff, und die Kapelle des Heiligen Karapet. Was davon erhalten geblieben ist, zeigt eine Mischung aus romanischer Solidität und dem typischen armenischen Kreuzgewölbe-Stil des 13. Jahrhunderts.

Offroad & Anfahrt

Grobpiste3/5

Die Anfahrt nach Havuts Tar führt von Garni oder Goght aus über unbefestigte Erd- und Schotterpisten in das Khosrov-Reservat bis an den Rand des Schluchtgeländes – grobe, unregelmäßige Pisten mit Schlaglöchern, Wurzeldurchbrüchen und auf feuchtem Boden rutschigen Lehmpassagen (Offroad-Faktor 3). Ein 4x4-Fahrzeug mit ausreichender Bodenfreiheit ist empfohlen; bei trockener Witterung im Sommer und Herbst kommen geländegängige Hochbau-SUVs durch, bei Nässe wird die Strecke anspruchsvoller. Am Schluchtrand endet die Fahrt; von dort führt ein rund 30-minütiger Fußweg – insgesamt etwa 2,4 Kilometer Hin- und Rückweg – zum Kloster hinauf. Der Weg steigt kontinuierlich an, ist aber nicht technisch schwierig. Festes Schuhwerk genügt; von der Umgebung aus bieten sich Blicke in die Azat-Schlucht, die an dieser Stelle mehrere hundert Meter tief einschneidet.

Beste Saison
April–November
Höhe
1.450 m
Nächster Ort
Garni / Goght
Originalname
Հավուց Թառ

Lage und Anlage

Gegründet wurde die Klosteranlage nach gesicherter Quellenlage im 4. Jahrhundert; die erste größere Bauphase fällt ins frühe 11. Jahrhundert, als Fürst Gevorg Marzpetuni die Amenaprkich-Kirche errichtete und das Kloster mit dem Dorf Goght sowie weiteren Ländereien ausstattete. 1013 ließ Grigor Magistros Pahlavuni – Gelehrter, Dichter und späterer byzantinischer Titelträger – die Kirche neu aufbauen und übergab dem Kloster einen hölzernen Schnitzkreuz namens Amenaprkich (Allerlöser), den er vom armenischen König Gagik I. (989–1017) erhalten hatte, der ihn wiederum als Geschenk des byzantinischen Kaisers Basil II. besaß. Das Original befindet sich heute im Museum von Etschmiadsin. Im 13. bis 15. Jahrhundert entwickelte sich Havuts Tar zu einem bedeutenden Schreibzentrum des armenischen Hochlands Ayrarat; das früheste nachweisbare Skriptorium-Manuskript datiert auf 1214, verfasst vom Miniaturisten Ignatius. Im Kloster wurde außerdem das sogenannte Vehamor-Evangeliar aufbewahrt – nach armenischen Überlieferungen eines der ältesten vollständigen Evangeliare in armenischer Sprache, datiert auf das 7. Jahrhundert und heute im Matenadaran-Institut in Jerewan; armenische Präsidenten legen bei ihrer Amtseinführung traditionell die Hand darauf. Das Erdbeben von 1679 zerstörte den Hauptbaukomplex weitgehend. Zwischen 1715 und 1725 leitete Katholikos Astvatsatur von Hamadan einen Wiederaufbau; eine zweite Lezghi-Invasion 1755 beendete das Klosterleben dauerhaft. Der Pilger Abraham Kretatsi dokumentierte seinen Besuch im Oktober 1734 schriftlich.

Geschichte: vom 4. Jahrhundert bis zum Erdbeben 1679

Die Gründungsphase von Havuts Tar ist historisch mehrfach bezeugt, wenn auch die ältesten Schichten zwischen Überlieferung und Inschrift verschwimmen. Gesichert ist, dass die Anlage im frühen 11. Jahrhundert unter Fürst Gevorg Marzpetuni ihren ersten dokumentierten institutionellen Ausbau erhielt. Grigor Magistros Pahlavuni, einer der bemerkenswerten armenischen Intellektuellen des Mittelalters – Verfasser einer grammatikalischen Abhandlung, eines 1.000-versigen Bibelgedichts und eines Briefkorpus, das heute als Quelle zur byzantinisch-armenischen Diplomatie gilt –, stellte 1013 die Amenaprkich-Kirche wieder her. In den folgenden zwei Jahrhunderten entstand unter der Ägide wechselnder Stifter der Kern des heutigen Ruinenensembles: die Hügelkirche aus schwarzem und rotem Tuffgestein im Schachbrettmuster (13. Jahrhundert), die Karapet-Kapelle (1213) und die ummauerte Hauptanlage mit unterirdischer Kammer, die mutmaßlich als Scriptorium und Archiv diente. Inschriften in der Hügelkirche belegen Schenkungen und Restaurierungsarbeiten von Kirchenfürsten und lokalen Adligen. Ab dem 13. Jahrhundert zog die Klosterschule Schreiber und Miniaturisten aus der Region an; mindestens ein Evangeliar aus dieser Zeit – das des Miniaturisten Ignatius (1214) – ist erhalten. Das Erdbeben von 1679 unterbrach diesen Betrieb abrupt. Katholikos Astvatsatur ließ in den 1720er Jahren Teile der Anlage mit dem Steinmaterial des zerstörten alten Gotteshauses wieder aufbauen; geplante Erweiterungen wurden durch die Lezghi-Einfälle der 1750er Jahre abgebrochen. Seitdem steht die Anlage leer.

Legende und Namensdeutung

Der Überlieferung nach soll die erste Klosterzelle auf dem Havuts-Tar-Sporn im 5. Jahrhundert von Sahak Partev und Mesrop Maschtots gegründet worden sein – den beiden Kirchenvätern, auf die die Erfindung des armenischen Alphabets (405 n. Chr.) zurückgeht. Eine historisch belegbare Verbindung zwischen den beiden und diesem konkreten Ort ist quellenmäßig nicht gesichert; die Zuschreibung gehört zum Typus frommer Gründungslegenden, der in armenischen Klostertraditionen häufig vorkommt. Dem Namen des Klosters liegt der armenische Begriff "Hayots Tar" – Hügel der Armenier (Hay) – zugrunde; einer lokalen Deutung nach soll der Name auf eine frühe Zufluchtsstätte armenischer Christen in der Schlucht verweisen. Belegt ist dagegen die Geschichte des Amenaprkich-Kreuzes: Der byzantinische Kaiser Basil II. soll es König Gagik I. von Armenien als Geschenk anlässlich eines Bündnisses übersandt haben; von Gagik gelangte das Reliquiar 1013 an Fürst Gevorg und damit in den Besitz des Klosters. Das geschnitzte Holzkreuz, das die Kreuzabnahme Christi darstellt, ist heute im Schatzhaus von Etschmiadsin zu sehen.

Warum hierher fahren?

Havuts Tar ist auf keiner armenischen Haupttouristenroute ausgeschildert. Das Khosrov-Reservat hat eigene Einlassbedingungen; der Fußweg zum Kloster führt durch dichten Wald mit Blick in die Azat-Schlucht. Wer die bekannten Anlagen bei Garni kennt – den hellenistischen Tempel, das Kloster Geghard –, findet in Havuts Tar eine andere Erfahrungsdichte: keine Restaurierung, keine Touristeninfrastruktur, dafür lesbare Bausubstanz aus drei Epochen auf engem Raum. Das Vehamor-Evangeliar, das hier fast 700 Jahre aufbewahrt wurde, ist heute das Buch, auf das ein armenischer Staatspräsident bei seiner Amtseinführung schwört – eine Verbindung, die den Ort in armenischer Erinnerungskultur verankert, ohne dass er selbst sichtbar daran teilhat.

Praktische Informationen

Beste Reisezeit: April bis November; Sommermonate (Juli/August) sind trocken und für die Piste am unkompliziertesten, Frühling und Herbst bieten angenehmere Temperaturen. Fahrzeug: 4x4 mit Bodenfreiheit ab 20 cm empfohlen; Schotter- und Erdpisten im Reservat, kein Asphalt nach dem Eingangsbereich. Das Khosrov-Reservat verlangt eine Eintrittsgenehmigung (vor Ort oder im Voraus zu besorgen). Für den Fußweg festes Schuhwerk mitbringen; keine Einkehrmöglichkeit vor Ort. Nächste Ortschaft: Garni (ca. 6–8 km), dort gibt es Verpflegungsmöglichkeiten und einen Tankstellenbereich. Mobilfunk: im Reservat unzuverlässig, Offline-Karte herunterladen (Maps.me oder OsmAnd mit armenischen Reservatsdaten). Koordinaten des Ausgangspunkts für den Fußweg vorab abspeichern: ~40.1230° N / 44.7689° O.

Quellen
01Bildstrecke

Impressionen

02Auf der Karte

Lage

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