Dvin – vier Jahrhunderte Hauptstadt unter dem Ararat
Ararat — Auf einem flachen Hügel in der Ararat-Ebene, knapp 40 Kilometer südlich von Jerewan, liegt das, was von einer der bevölkerungsreichsten Städte östlich von Konstantinopel übrig ist: ein Ausgrabungsfeld, einige Mauerreste, Keramiksplitter im Boden.
Sechs Karawanenrouten liefen hier zusammen — nach Persien, ins Zweistromland, bis Byzanz und ans Mittelmeer. Seide und Gewürze kamen herein, Pferde und Wein gingen hinaus, während Syrer, Perser, Juden und Kurden Seite an Seite lebten. Am 28. Dezember 893 erschütterte ein Erdbeben die Stadt und kostete, Chronisten zufolge, Zehntausende das Leben. Der Überlieferung nach stammte sogar Saladins Familie aus der Gegend um Dvin, möglicherweise aus einem Dorf nahe der Stadt, bevor die Mongolen 1236 endgültig alles zum Schweigen brachten.
Dvin (armenisch Դվին) liegt auf einem natürlichen Hügel zwischen den heutigen Ortschaften Hnaberd und Verin Dvin, auf rund 925 Metern in der weiten Ebene des Ararat-Beckens. Das Gelände ist unspektakulär im ersten Blick: niedrige Erdwälle, freigelegte Fundamentreihen, Informationstafeln an wenigen Stellen. Dabei war dieser Flecken Erde über vier Jahrhunderte das administrative und religiöse Zentrum Armeniens – Hauptstadtsite des Arschakuniden-Königreichs, Sitz des persischen Marzpan, Gouverneurssitz des arabischen Kalifats, Sitz des armenischen Katholikos. Systematische Ausgrabungen laufen seit 1937; sie haben Schichten vom 3. Jahrtausend v. Chr. bis ins 13. Jahrhundert n. Chr. freigelegt.
Offroad & Anfahrt
Asphalt1/5
Offroad-Faktor 1 von 5. Die Zufahrt zu den Ausgrabungsstätten bei Hnaberd und Verin Dvin verläuft auf asphaltierten oder gut verdichteten Feldwegen in der flachen Ararat-Ebene. Ein normaler PKW reicht das ganze Jahr über; 4x4 bringt keinen Vorteil. Vom nächsten Ortskern bis zur Ausgrabung sind es wenige hundert Meter auf ebenem Untergrund. Parkfläche vorhanden. Das Terrain auf dem Hügel selbst ist unbefestigt und bei Nässe lehmig – festes Schuhwerk ist sinnvoll, Geländefahrzeug jedoch unnötig.
- Beste Saison
- ganzjährig (April–November optimal)
- Höhe
- 925 m
- Nächster Ort
- Hnaberd / Verin Dvin
- Originalname
- Դվին
Dvin in der Ararat-Ebene – Lage und Überblick
Gründung und Lage: König Khosrov III. Kotak (reg. ca. 330–338 n. Chr.) ließ Dvin auf dem Gelände einer älteren Siedlung und eines königlichen Jagdparks anlegen und zur Hauptstadt ausbauen. Ausgrabungen von 1958 stießen unter der Zitadelle auf Bronze- und Eisenzeitschichten mit vier Heiligtümern und Spuren ewiger Feuer aus dem 1. Jahrtausend v. Chr. Bevölkerung auf dem Höhepunkt (8.–9. Jh.): Schätzungen reichen von 45.000 (361 n. Chr.) bis über 100.000 Einwohner. Die Stadt war kosmopolitisch: Syrer, Juden, Perser, Araber, Kurden und Georgier lebten neben Armeniern. Sechs Karawanenrouten verbanden Dvin mit dem Iran, dem Zweistromland, Assyrien, Byzanz und dem Mittelmeerraum; Exportgüter waren Pferde, Getreide, Wein, Metalle und Textilien, Importgüter Seide, Gewürze und Edelsteine. Als das Arschakuniden-Königreich 428 n. Chr. aufgelöst wurde, übernahm der persische Marzpan in Dvin die Kontrolle; hier lagen auch die Zentralarchive des armenischen Adels. Der arabische Feldherr Khalid eroberte die Stadt im Oktober 640 n. Chr.; am 6. Januar 642 fiel sie erneut. Unter dem arabischen Namen Dabil wurde Dvin Hauptort der Provinz Arminiya. Das Erdbeben vom 28. Dezember 893 zerstörte weite Teile der Stadt und kostete nach Chronisten Zehntausende das Leben (Schätzungen variieren: 30.000 bis 70.000). 961 n. Chr. übernahm Ani die Hauptstadtfunktion; 1236 zerstörten die Mongolen Dvin endgültig. Aktuelle Ausgrabungen legen Strukturen des 11.–13. Jahrhunderts frei, darunter den Palast des Katholikos (5. Jh.) und Kathedralen-Fundamente (5. Jh.).
Geschichte: Von der Königsresidenz zur arabischen Provinzhauptstadt
Bevor Khosrov III. Kotak hier eine Stadt gründete, befand sich auf dem Hügel ein königliches Jagdrevier der Arschakuniden. Dieselbe Dynastielinie ließ wenige Kilometer entfernt das Khosrov-Waldreservat anlegen, das noch heute als Schutzgebiet besteht. Nach der Auflösung des armenischen Königreichs 428 n. Chr. verlagerten die persischen Sassaniden den Sitz des armenischen Katholikos nach Dvin – ein politischer Schachzug, um Kirchenmacht und Staatsmacht räumlich zu bündeln. In Dvin fanden 505 und 554 n. Chr. bedeutende Kirchenkonzile statt, die theologische Positionen Armeniens gegenüber Byzanz und Rom festlegten. Der byzantinische Historiker Prokopios beschrieb die Umgebung als "in jeder Hinsicht vorzügliches Land" mit gesundem Klima und reichlich Wasser. Unter arabischer Herrschaft erlebte Dvin im 8. und frühen 9. Jahrhundert noch einmal eine Blüte als Handelsstadt; zeitgenössische arabische Quellen nannten sie die "Große Hauptstadt". Das Erdbeben von 893 und die anschließenden Machtkämpfe zwischen kurdischen und deylamitischen Emiren schwächten die Stadt dauerhaft; der Mongolen-Angriff 1236 beendete die Besiedlung. Archäologen fanden reich verzierte Keramiken des 9.–13. Jahrhunderts, steinerne Kapitelle mit Darstellungen der Gottesmutter und Schmuck, der auf hochentwickeltes städtisches Handwerk schließen lässt.
Legende & Mythos
Eine direkt mit Dvin verknüpfte lokale Legende ist in den Quellen nicht überliefert. Historisch bemerkenswert – und oft als Kuriosität kolportiert – ist die Herkunft von Saladin: Der Überlieferung nach stammte die Familie seines Vaters Najm ad-Din Ayyub aus der Gegend um Dvin, möglicherweise aus dem Dorf Ajdanakan nahe der Stadt. Die Ayyubiden-Dynastie, die Ägypten und Teile der Levante beherrschte, hätte damit ihre Wurzeln in dieser armenischen Ebene. Historiker betrachten die kurdische Herkunft der Familie als belegt; die genaue Verbindung zu Dvin wird in mittelalterlichen Quellen erwähnt, jedoch nicht im Detail ausgeführt. Was den Ortsnamen betrifft: Moses von Choren deutete "Dvin" als persisches Wort für "Hügel", doch Sprachwissenschaftler halten diese Ableitung für nicht gesichert; eine andere Hypothese sieht den Namen als arsacidisches Lehnwort aus dem zentralasiatischen Raum.
Warum hierher
Dvin zeigt, was von einem Millionenmenschen-Zentrum bleibt, wenn Erdbeben, Krieg und Zeit ihre Arbeit getan haben. Wer die Ausgrabungsfelder begeht, steht auf Schichten, die vom 3. Jahrtausend v. Chr. bis zu den Mongolen reichen – Befund für Befund freigelegt, noch nicht vollständig gedeutet. Wer armenische Spätantike und Frühmittelalter verstehen will, kommt an Dvin nicht vorbei: Hier wurden Kirchenpolitik gemacht, Karawanen abgefertigt und Katastrophen überstanden. Zudem ist der Ort außerhalb von Fachkreisen wenig bekannt – kein Massenbetrieb, keine Touristeninfrastruktur, dafür ungestörte Stille und ein weiter Blick auf den Ararat.
Anfahrt und praktische Hinweise
Lage: Bei den Ortschaften Hnaberd und Verin Dvin, Region Ararat, ca. 35–40 km südlich von Jerewan. Koordinaten: 40.0044° N, 44.5783° O. Höhe: ca. 925 m. Zufahrt: Asphaltstraße aus Richtung Hnaberd; die letzten Meter auf befestigtem Feldweg. Besuchszeit: ganzjährig möglich; April bis November optimal. Eintritt: Ausgrabungsgelände ist öffentlich zugänglich; ein Besuch beim Archäologischen Museum in Jerewan (Nationalmuseum für Geschichte) lohnt vor- oder nachher, da viele Funde dort ausgestellt sind. Ausstattung vor Ort: minimal – kein Café, keine Toiletten. Festes Schuhwerk empfohlen. Fahrzeug: PKW genügt vollständig.
Lage
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